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Brainwave Special - Tele-Rehabilitation

June 16, 2021

REHA SPECIAL

Quelle: eigene Dartstellung

Die Reha - Ein wichtiger Bestandteil der Gesundheitsversorgung

Das Ziel von medizinischen Rehabilitationsleistungen ist es, Menschen nach einer Erkrankung wieder die bestmögliche Teilhabe am Alltagsleben zu ermöglichen. Die Maßnahmen können dabei sowohl stationär, als auch ambulant stattfinden und werden neben der Unfallversicherung und gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zum Großteil von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) übernommen. Die DRV führte in 2018 mehr als 1 Mio. Leistungen zur medizinischen Rehabilitation durch. Dabei wendete sie rund EUR 6,8 Mrd. für sämtliche Leistungen auf. Die Reha-Programme decken Indikationen von der Onkologie und Orthopädie, über Suchterkrankungen bis hin zu speziellen Maßnahmen für Kinder und Jugendliche ab. Üblicherweise dauert eine stationäre Reha drei Wochen, längstens jedoch 20 Tage.

Um es kurz zu sagen, jedes Jahr durchlaufen unzählige Menschen eine Reha und schon allein deshalb ist sie ein essenzieller Bestandteil der Gesundheitsversorgung. Doch wie sehen digitale Angebote für Patient:innen in der Reha aus?

Was genau ist Tele-Reha eigentlich?

Digitale Lösungen in der Reha-Therapie lassen sich in Angebote zur Tele-Reha und zur Tele-Nachsorge unterscheiden. Als telemedizinischer Service digitalisiert die Tele-Reha die Kommunikation zwischen Ärzt:innen und Patient:innen und unterstützt Patient:innen schon während der ambulanten oder stationären Behandlung. Digitale Angebote können darüber hinaus auch nach der Reha, während der anschließenden Nachsorge ansetzen, welche in 2018 mehr als jede:r Zehnte im Anschluss an die Behandlung durchgeführt hat. Die Tele-Nachsorge findet analog zur face-to-face Nachsorge in der Regel berufsbegleitend statt und zielt darauf ab, Erlerntes aus der Reha langfristig zu festigen.

Wichtig ist an dieser Stelle zu sagen, dass eine Physiotherapie-App (wie bspw. Kaia Health) noch keine Reha darstellt. Oft ist eine physiotherapeutische Behandlung zwar ein Teil des Reha-Behandlungsplans, doch liegt die Stäke der Reha darin verschiedene Disziplinen (z.B. Ergotherapie, Logopädie) zu vereinen und diese den Patient:innen in einer multimodalen Therapie zu vermitteln. Für einen langfristigen Therapieerfolg im Alltag ist es für die Patient:innen wichtig, neben der physischen Genesung, auch edukative Inhalte zu vermitteln. In unserem Onkologie Special haben wir Euch mit Mika und PINK! bereits gezeigt, wie Startups in der Onkologie multimodale Ansätze verfolgen.

Es wird deutlich, dass eine Physiotherapie allein noch keine Reha ausmacht. Trotzdem kann eine digitale Physiotherapie die Reha als digitale Komponente sehr gut unterstützen und sich bspw. als Therapiebegleitung direkt an Patient:innen (B2C) oder auch an Leistungserbringer (B2B) richten. Das wachsende Serviceangebot im digitalen Physiotherapiemarkt wird jedoch auch eine treibende Wirkung im Tele-Reha-Markt haben.  Eine umfassende Übersicht zu den relevanten Startups auf dem digitalen Reha-Markt haben wir für Euch in unserer Marktübersicht erstellt (s.u.).


Ausblick und Fazit

Da die Leistungserbringer in der Reha eine zentrale Rolle spielen, kommen Digital-Health-Anbieter nicht darum herum ihre Perspektive mit einzubeziehen. In der Produktentwicklung müssen demnach alle Akteure berücksichtigt werden: das beinhaltet die Prozesse und Herausforderungen der Leistungserbringer, die Anforderungen der Kassen und selbstverständlich die Bedürfnisse der Patient:innen. Aus unserer Sicht ist dies ein Grund, warum es bisher noch wenige Startups in diesem Bereich gibt.

Der Blick auf internationale Player zeigt, dass Bewegungstracker eine wichtige Unterstützung bei der physiotherapeutischen Behandlung sein können - wie z.B. bei Hinge Health (s. Startup To Watch) oder Sword Health. Deshalb erwarten wir langfristig auch auf dem deutschen Markt eine stärkere Verwendung von Tracking-Sensoren. Der Tech-Gigant Amazon macht mit der "Movement Health" Erweiterung für sein Wearable Amazon Halo große Schritte in Richtung Physiotherapie. Auch wenn das im ersten Schritt keine großen Effekte auf den deutschen Reha-Markt hat, wissen wir, dass die Tech-Giganten eine maßgebliche Rolle bei den Trends in der Digital-Health-Welt spielen.

Zusammenfassend finden wir den Reha-Markt vielschichtiger als er auf den ersten Blick zu scheinen mag und erwarten deshalb in den nächsten Jahren nur wenige Startups zu sehen, die den Schritt in den Markt erfolgreich wagen. Wir freuen uns dafür umso mehr über Vorreiter wie Caspar, (s. Interview) die bereits jetzt, in einem so komplexen Markt, digitale Lösungen etablieren und neue Wege der Versorgung schaffen.

MARKTÜBERBLICK

Dieses Mal haben wir uns die Startups im digitalen Reha-Markt näher angeschaut! In unserer Marktübersicht findet Ihr neben relevanten deutschen Startups auch einige internationale Vorreiter.

Insgesamt gibt es auf dem deutschen Markt nur wenige Startups, die für die Reha oder die anschließende Nachsorge eine digitale Lösung anbieten. Innerhalb der Reha-Angebote bieten fast alle Player sowohl eine Tele-Reha, als auch eine Tele-Nachsorge an.

Absoluter Vorreiter auf dem Gebiet der Tele-Reha- & Tele-Nachsorge ist das Startup Caspar Health (s. Interview). Über eigens produzierte Inhalte werden Patient:innen bereits während der Reha-Behandlung durch Übungen, Schulungen und Vorträge eng digital begleitet. Zusammen mit den Anbietern EvoCare und Curalie, ist Caspar derzeit befristet von der DRV für die Regelversorgung anerkannt. Damit fallen aufwendige Anträge der Reha-Einrichtungen für die Erstattung der Tele-Reha-Nachsorge bei der DRV weg.

Besonders viele Angebote sehen wir im Bereich der B2B-Therapiebegleitung, welche sich an die Leistungserbringer (z.b. Therapeuten) wendet. Startups wie Therap.io versuchen Physiotherapeut:innen ein Tool an die Hand zu geben, um ihre Patient:innen digital begleiten zu können. Physiotec bietet - ähnlich wie Caspar - eine große Bibliothek an Bewegungsübungen, damit Patient:innen auch einfach von zu Hause aus weiter trainieren können. Hinge Health (s. Startup to Watch) und Sword Health sind internationale Beispiele dafür, wie Tracking-Sensorik gewinnbringend in der Physiotherapie genutzt werden kann.

Neben den B2B-fokussierten Therapiebegleitungen gibt es nur wenige patientenzentrierte Lösungen im Reha-Bereich. Wir sehen jedoch viele Lösungen in Teilbereichen wie der digitalen Physiotherpie. Kaia Health ist Vorreiter im Bereich digitaler Therapien für chronische Rückenschmerzen und setzt international neue Impulse durch die Verwendung intelligenter Algorithmen zur Videoanalyse. Vivira hingegen ist bereits im DiGA-Verzeichnis aufgenommen und bietet ein physiotherapeutisches Training bei Rücken-, Knie- und Hüftschmerzen für zu Hause an. Zwar sind beide Anwendungen treibende Kräfte bei der digitalen Behandlung von orthopädischen Erkrankungen, jedoch sind sie bislang noch nicht auf die Reha ausgelegt und können nicht von der DRV erstattet werden.

Die deutsche Digital Health Reha Landschaft

Quelle: Brainwave Hub, Eigene Darstellung
Notiz: Unsere Auswahl zeigt vorrangig Startups des deutschen Marktes, Internationale Vorreiter werden in grau dargestellt. Im Bereich der “Physiotherapie" zeigen wir B2B- und B2C-Lösungen (farblich gekennzeichnet) und im Bereich “Rehabilitation" B2B2C-Lösungen.

INTERVIEW

Interview mit Max Michels
Gründer von Caspar Health

Max Michels war bereits Geschäftsführer der Brandenburgklinik Bernau-Waldsiedlung und ist mittlerweile über 10 Jahre im Bereich der Reha unterwegs. Schon früh erkannte er, dass Erfolge der Reha besonders nachhaltig in den Alltag integriert werden können, wenn Patient:innen Erlerntes in der Nachsorge festigen. So kam er 2016 auf die Idee Caspar Health zu gründen.

Brainwave: Caspar Health ist der erfolgreichste Anbieter im Bereich der Tele-Reha auf dem deutschen Markt. Was unterscheidet Euch von anderen Anbietern und welche Vision verfolgt ihr?

Max: Mit Caspar Health haben wir eine digitale Reha-Klinik entwickelt, die in ein Smartphone passt! Wir brauchen also keine extra Hardware, sondern benutzen die bereits vorhandene Hardware der Patient:innen. Uns war es immer schon wichtig die Bedürfnisse der Patient:innen zu verstehen und dann auch auf sie einzugehen. Das Besondere an unserer Software ist außerdem, dass sie die Anforderungen der involvierten Akteure versteht. Die Kostenträger, die Kliniken und die Patient:innen haben allesamt unterschiedliche Anforderungen an eine Anwendung und daher war es immer unser Ziel eine Software zu entwickeln, die alle Stakeholder vereint und somit auch von allen akzeptiert wird. Dieses Produkt haben wir mit Caspar geschaffen.

Brainwave: Wenn man sich den Tele-Reha-Markt genauer ansieht, fällt auf, dass es bisher nur wenig etablierte Angebote gibt. Woran liegt das Deiner Meinung nach und wie könnte sich der Markt in Zukunft entwickeln?

Max:
Man muss ganz klar sagen, dass Reha ein Nischenmarkt ist. Im Vergleich zu anderen Märkten sind bei der Reha viel mehr Akteure involviert, die Einfluss darauf haben, ob man im Markt aktiv sein kann. Dafür sind vor allem die Kliniken ausschlaggebend, da diese einen Mehrwert in der Anwendung erkennen müssen. Das wiederum bedeutet, dass die Prozesse der Kliniken in digitale Services mit einfließen müssen und man sich z.B. an Vorgaben, Regularien und Standards halten muss.

Caspar hat diese Logik implementiert und kann Kliniken zeigen, wie man Ressourcen schont, neue Märkte erschließt und zusätzliche Umsätze generiert. Dieses vielschichtige System ist natürlich nicht leicht zu kopieren und wahrscheinlich ein Grund, warum sich wenig Akteure an diesen Markt herantrauen. Zusammenfassend kann man sagen, dass der Reha Markt aufgrund seiner hohen Komplexität und regulatorischen Anforderungen kein einfacher Bereich ist, um ein Startup zu gründen.

Brainwave: Wir sehen, dass sich viele Anbieter auf bestimmte Indikationen, wie zum Beispiel die Orthopädie spezialisiert haben. Welche Schwerpunkte setzt ihr bei Caspar Health?

Max:
Wir haben keinen Fokus auf spezielle Indikationen gesetzt und Kliniken können mit unserer Anwendung alle Indikationen bedienen. Im speziellen Fall der Tele-Reha-Nachsorge zum Beispiel haben wir für alle Indikationen, außer Psychosomatik und Adipositas, eine Anerkennung der Deutschen Rentenversicherung (DRV) erhalten. Warum haben wir diese Anerkennung? Ganz einfach, weil die Rentenversicherung gesehen hat, dass Caspar für diese Indikationen von Kliniken erfolgreich eingesetzt werden konnte.

Über die Jahre haben wir eine große Bibliothek mit Inhalten für verschiedene Indikationen entwickelt, auf welche die Kliniken ganz einfach zugreifen können. Und wenn Anfragen von Kliniken zu speziellen Indikationen kamen, die in der Bibliothek noch fehlten, haben wir daraufhin kooperativ neuen Content produziert. Die Psychosomatik ist ein Bereich, den wir zukünftig noch mit in unser Angebot aufnehmen wollen.

Brainwave: Die Tele-Nachsorge mit Caspar Health ist mittlerweile also von der DRV für die Regelversorgung anerkannt. Was bedeutet das für Euch und wie?

Max:
Zuerst einmal war die Anerkennung unserer unimodalen und multimodalen Tele-Reha-Nachsorge von der DRV ein riesiger Meilenstein für uns. An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass Tele-Reha und Tele-Nachsorge zwei unterschiedliche Bereiche der Rehabilitation sind. Mit Hilfe von Caspar kann man also auch Leistungen im Anschluss an eine Reha erbringen, ohne dass medizinisches Personal physisch dabei ist. Damit knüpft Caspar an dem zentralen Problem an, dass ca. 87 % der Patient:innen nach der Reha keine Nachsorge erhalten. Deshalb war es mir wichtig ein Produkt zu entwickeln, welches genau diesen Teil der Patient:innen erreichen kann. Und als 2017 die „Anforderungen an die Tele-Reha-Nachsorge“ von der DRV veröffentlicht wurden, haben wir alle unsere Konzepte darauf ausgerichtet. Heute ist unser System befristet bis zum 31.12.2021 anerkannt. Aber durch die jüngst veröffentlichten Studienergebnisse sollte einer dauerhaften Anerkennung nichts mehr im Wege stehen.

STARTUP TO WATCH

In Deutschland hat sich in der Tele-Reha und generell im Bereich Digitaler Anwendungen (DiGA) sehr viel getan. Doch im internationalen Vergleich hinken wir noch weit zurück. Deshalb stellen wir Euch hier mit Hinge Health einen der amerikanischen Vorreiter im Bereich digitaler Physiotherapie vor!

Was macht Hinge Health?

Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems äußern sich häufig in Rücken-, Schulter- oder

Das Unternehmen bietet digitale Therapieprogramme und Tele-Konsultationen durch Therapeut:innen für Patient:innen mit Erkrankungen des Bewegungsapparates. Eine App führt Benutzer durch Bewegungsübungen, die mithilfe von tragbaren Sensoren verfolgt werden, um falsche Ausführungen zu erkennen. Der Kundenfokus liegt aktuell auf Arbeitgebern, die ihren Mitarbeiter:innen das Therapieprogramm zur Verfügung stellen wollen.

Warum ist Hinge Health ein Vorreiter?

1. Funding
Anfang Januar konnte das Team USD 300 Mio. in einer Series D zu einer post-Money Bewertung von USD 3 Mrd. einsammeln. Dreistellige Investitionsbeträge sind auf dem deutschen Reha- und Physiotherapie-Markt aktuell noch undenkbar.

2. Technologie
Hinge Health zeigt, wie mithilfe von tragbarer Sensorik digitale Behandlungsergebnisse verbessert werden können. Zusätzlich haben sie vor kurzem eine Wearable-Technologie auf den Markt gebracht, die durch elektrische Nervenimpulse den Schmerz von Patient:innen lindert. Damit erschließen sie in sehr hohem Tempo auch neue Technologien. Auf dem deutschen Markt sehen wir bislang nur die KI-gestützte Auswertung von Videoaufnahmen - von tragbaren Sensoren sind wir noch weit entfernt.

3. Aufbau einer Gesundheitsplatfform
Das Unternehmen kombiniert digitale Therapieprogramme mit der telemedizinischen Betreuung durch ein eigenes klinisches Behandlungsteam. Damit folgt Hinge Health dem Trend der Gesundheitsplattformen mit unterschiedlichen integrierten Services. Eigene Behandlungsteams sehen wir in Deutschland zwar vermehrt bei Videosprechstunden-Anbietern, aber bisher noch kaum im Bereich der Physiotherapie oder der Reha.

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