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Brainwave Special - FemTech 2.0

January 4, 2022
Bildquelle: iStock, Marina Skobliakova
Bildquelle: iStock, Marina Skobliakova

FemTech - Vom Nischenmarkt zum "Hot Topic"

In unserem ersten FemTech-Special haben wir Euch bereits geschildert, warum FemTech viel mehr ist als nur ein Nischenmarkt. Über ein Jahr später haben wir unsere Insights und die Startup-Landscape aus 2020 neu beleuchtet, denn das Thema hat sich auf verschiedenen Ebenen (Produkte, Geschäftsmodelle, Technologien, Funding, etc.) stark weiterentwickelt.

Was ist FemTech? - Ein kurzer Recap

Für alle, die eine kleine Auffrischung brauchen, hier das Wichtigste zusammengefasst: Der Begriff FemTech wurde insbesondere durch Ida Tin (Gründerin von Clue) geprägt und umschreibt digital-gestützte Lösungen rund um die Gesundheit der Frau. Dazu zählen bspw. Apps und Wearables aus den Bereichen Fruchtbarkeit und Zyklus, Schwangerschaftsbegleitung, Menopause oder Sexual Awareness. E-Commerce-Produkte, wie Periodenunterwäsche oder Supplements komplementieren den Trend.

Was hat sich seit dem letzten Jahr verändert?

Aus unserer Sicht sind FemTech-Angebote, besonders im Bereich "Schwangerschaft und Geburt", bereits in der medizinischen Versorgung angekommen. Die App zur Schwangerschaftsbegleitung und Geburtsvorbereitung von Keleya Health wird mittlerweile von 19 Krankenkassen erstattet und profitierte in der Pandemie von erhöhten Nutzungszahlen (monatlich 20.000 aktive Nutzerinnen). Neben dem Thema "Schwangerschaft" sehen wir die Reproduktionsmedizin als rasant steigenden Trend der letzten Monate. Startups wie Avery Fertility, Leila oder Fertilly sind frisch am Markt und befassen sich mit Fruchtbarkeitsdiagnostik, künstlicher Befruchtung und Social Freezing (Einfrieren von Eizellen). Das Jahr stand außerdem ganz im Zeichen der Onkologie. Startups wie PINK! oder Happie Haus (s. Startup To Watch) treiben erfolgreich digitale Innovationen für Frauen mit Brustkrebs voran. Darüber hinaus sehen wir auch neue Startups im Bereich Sexual Awareness, wie z.B. being female (s. Startup Portrait), entstehen. Kurz gesagt, der Markt ist in Bewegung!

Was passierte bei VC-Investments?

Bereits im letzten Jahr zeichnete sich ein konstant wachsendes Finanzierungsvolumen für FemTech Startups ab. Im Jahr 2021 überstiegen die weltweiten VC-Investitionen in diesen Bereich zum ersten Mal die Marke von USD 1 Mrd. In Europa erhielten UK-Startups in 2021 ein beachtliches Risikokapital: Das Londoner Startup Elvie ist bspw. bereits auf dem deutschen Markt tätig und erhielt 68 Mio. Euro in einer Series C. Der Anbieter einer Zyklustracking-App Flo Health erhielt 50 Mio. US-Dollar in einer Series B. Die deutschen Startups fertilly und pregfit erhielten ein Seed-Funding. Auch wenn Investoren scheinbar immer größeres Vertrauen in FemTech Startups haben, steht das Funding-Potenzial aus unserer Sicht noch am Anfang. In 2020 sind zum Vergleich weltweit über USD 321 Mrd. in VC-Investitionen geflossen.

Wie geht es weiter? - Unsere Thesen

Der FemTech-Markt ist weiterhin einer der vielversprechendsten Segmente im Digital Health Markt mit einem riesigen Potenzial verschiedenste Pain Points im Bereich der Frauengesundheit zu lösen – schließlich betrifft dies rd. 50% der Weltbevölkerung. Innovative Geschäftsmodelle in bereits etablierten Segmenten, wie Schwangerschaft, Geburt und Zyklus, werden mit Wachstumskapital und einer steigenden Akzeptanz gestärkt. Wir erwarten, dass auf dem deutschen Markt weitere FemTech Startups nach internationalen Vorbildern entstehen werden. Dies könnte unserer Meinung nach insbesondere für Indikationen aus den Segmenten Menopause und Endometriose geschehen. Auch erwarten wir den Aufbau verschiedener Gesundheitsplattformen, die Frauen End-to-End mit verschiedenen Services begleiten werden.

FEMTECH STARTUP-LANDSCHAFT

Wir haben die Startups auf dem deutschen FemTech-Markt erneut genauer unter die Lupe genommen.

Den größten Teil des Marktes machen nach wie vor Startups bzw. Lösungen aus der Rubrik Zyklus- und Fruchtbarkeitstracking aus. In diesem Bereich sehen wir digitale Angebote in Form von Tracking-Apps, Vergleichsportale für Verhütungsmittel sowie Wearables und weitere Tools. Als neue Kategorie ist in diesem Special die Reproduktionsmedizin hinzugekommen, welche die Themen Fruchtbarkeits-diagnostik und Social Freezing abdeckt.

Neben den etablierten Playern im Bereich Schwangerschaft und Geburtsvorbereitung haben wir in der Kategorie Telemedizin & Testkits Startups zusammengefasst, die sich mittels Testkits für Zuhause der allgemeinen Gesundheit der Frau widmen oder integrative Medizin online anbieten. Zusätzlich dazu heben sich Startups aus den indikations-getriebenen Trends Brustkrebs, Endometriose und Menopause immer stärker hervor. Die Startups innerhalb dieser Kategorie versuchen die Patientinnen entlang der Patientenreise mit Tracking, Supplements oder Communities zu unterstützen. Last but not least, finden sich wieder die Rubriken Perioden-Konsumgüter und Sexual Awareness in unserer Übersicht zu den FemTech-Startups auf dem deutschen Markt.

FemTech Startup-Landschaft

Quelle: Brainwave HUb, eigene darstellung

INTERVIEW

Interview mit Maxie Matthiessen, Gründerin von FEMNA Health

Maxie Matthiessen, Gründerin und Mama aus Norddeutschland, hat nach ihrem Master das Startup Ruby Life und im August 2016 FEMNA Health gegründet. Im Interview erzählt sie von Hürden auf dem deutschen Startup Markt, der Relevanz von Frauengesundheit und dem Potenzial auf dem FemTech Markt.

FEMNA Health löst das Problem der Zahlen sieben und siebzig. Sieben Minuten dauert ein durchschnittliche Arztberatung in Deutschland und 70% ist die Anzahl der Frauen, die eine hormonelle Behandlung mit der Pille ablehnen. FEMNA Health schickt Test-Kits nach Hause, welche im Labor ausgewertet werden und anschließend in einem mindestens 40-minütigen Beratungsgespräch von einer ausgebildeten Fachkraft mit medizinischem Hintergrund mit der Frau individuell besprochen werden. In diesem Gespräch wird zusätzlich zu den Testergebnissen auch auf persönliche Lebensbedingungen eingegangen, um einen bestmöglichen Behandlungsplan zu erstellen.

Über 50 Prozent der Weltbevölkerung sind Frauen. Trotzdem gibt es viele Versorgungslücken in der Frauengesundheit und oftmals fehlt ein holistisches Angebot. FEMNA Health integriert verschiedene Methodiken und Perspektiven, um einen ganzheitlichen Ansatz zu erreichen. Kannst Du dazu etwas mehr erzählen?

Wir nennen es die integrative Medizin. Wir wollen mit der Plattform eine Bandbreite an Services, als ein höchstmögliches Versorgungsangebot, anbieten. Wir haben festgestellt, dass Frauen sich beides wünschen: Schulmedizin in Kombination mit Naturheilkunde. Deswegen sind bei FEMNA Health sowohl Heilpraktiker:innen als auch Ärzt:innen beratend tätig. Was natürlich wichtig ist, alle Berater:innen, die zu FEMNA Health kommen, gehen einen rigorosen Qualitätscheck durch. Wir führen auch monatliche Interventionen durch, um durch den Austausch untereinander die Qualität nachhaltig zu steigern.

Ihr habt einen langen Weg hinter Euch. Wie habt Ihr Euch dahingehend entwickelt, wo Ihr jetzt steht?

FEMNA Health ist aus Ruby Cup, der ersten Menstruationstasse auf dem deutschen Markt, entstanden. Auffällig war die große Nachfrage nach Frauengesundheitsthemen. Wir haben bei Ruby Cup viele Fragen zu Symptomen, so wie PMS, starke Blutungen etc. bekommen. Mir ist dadurch aufgefallen, dass es keine Anlaufstelle für Frauen gibt, wo sie Fragen zu ihrer Gesundheit stellen können. Daher kam die Idee, eine Plattform mit Produkten und Gesundheitsberatung für die Frauengesundheit anzubieten.

Prägend bei der Gründung war jedoch ebenfalls, dass viele Institutionen uns Steine in den Weg gelegt haben. In Deutschland kriegst du einen bösen Brief mit dem, was man alles falsch macht. Es nervt mich, dass wir hierzulande eine Verhinderungs-, statt einer Ermöglichungsmentalität haben, das ist schade.

Hoffen wir mal, dass durch die neue Bundesregierung etwas getan wird. In Deutschland ist es zudem auch super schwierig, Patient:innen über das Selbstzahlermodell zu erreichen. Wie realistisch ist es für Euch in die Versorgung zu kommen?

Das Hauptproblem ist, dass Gesprächszeit im medizinischen Bereich von den Krankenkassen so schlecht bezahlt wird. Deswegen wird diese von den Leistungserbringern auch so wenig priorisiert. Wir wollen im nächsten Schritt Selektivverträge avisieren, also individuelle Vergütungsverträge mit den Krankenkassen, um FEMNA Health in die Versorgung zu integrieren.

Der FemTech-Markt entwickelt sich rasant. Wie siehst Du den Mark in den nächsten Jahren?

Er wird auf jeden Fall wachsen. Mein Gefühl ist, dass wir gerade bei maximal zehn Prozent Abdeckung sind. Da ist noch so viel Luft nach oben, was besonders im ausländischen Vergleich deutlich wird. Durch die Nutzung der Technik kann man die Versorgungslücken für Frauen schließen. Zum Beispiel können Beratungen auch sonntags angeboten werden und dies ist für die Frau ganz von Zuhause aus möglich. Das heißt, die Kinder müssen nicht untergebracht werden, sondern können z.B. im Nebenzimmer spielen. Übrigens ist Sonntag der Lieblingsberatungstermin bei uns, da Frau da Zeit hat. Digitalisierung in der Medizin kann eine enorme Verbesserung der Lebensqualität von Frauen bedeuten.

Vielen Dank, liebe Maxie!

STARTUP TO WATCH

New kid on the block - Welcome Happie Haus!

Die Wellbeing-App für Brustkrebsbetroffene bringt mit dem Mind-Body-Ansatz Körper, Geist und Bewegung in Einklang und mobilisiert damit innere Kräfte sowie eigene Ressourcen. Als ehemalige Betroffene hatte die Gründerin Stephanie im Sommer 2020 den Wunsch eine App zu entwickeln, die Frauen mit Brustkrebs emotional stützt, ohne sie dabei nur auf die Erkrankung reduzieren. Außerdem sollte ein Raum für Inspiration, einen gesunden Körper und positives Denken geschaffen werden. In Live-Kursen mit Yoga, Atemübungen, begleitender Psychoonkologie und vielem mehr, soll für Frauen ein Ort geschaffen werden, der ihnen Halt und Zuflucht bietet. Außerdem schafft die lifestyle-orientierte App hierdurch die Möglichkeit therapiebegleitend und ganzheitlich an Gesundheit und Wohlbefinden zu arbeiten. Mit einer Tagebuchfunktion sollen zukünftig auch Angehörige besser eingebunden werden können.

Wir bei Brainwave sind von der passionierten Hingabe und tollen Umsetzung der Gründerinnen überzeugt und warten mit Freude ab, wohin die Reise Happie Haus führen wird.

DEEP DIVE: SEXUELLE GESUNDHEIT

Sexuelle Gesundheit ist ein wichtiger Teil der Gesundheit und Lebenszufriedenheit eines jeden Menschen. Nicht umsonst ist die sexuelle Gesundheit von der WHO als wesentlicher Bestandteil für Lebensqualität und Wohlbefinden definiert worden. Trotzdem ist Sexualität noch immer eines der größten Tabu-Themen in unserer Gesellschaft, um welches sich viele Mythen und Legenden ranken. An authentischer und nahbarer Aufklärung oder Beratung mangelt es heute leider immer noch viel zu häufig.

Genau deshalb haben sich Ärztin und Sexualtherapeutin Dr. Maya Fehling und Digitalexpertin Carolin Kröger zusammengetan, um mit ihrem Startup being female Frauen über sexuelle Aspekte aufzuklären und sie auf dem Weg zu einer gesunden und ganz eigenen Sexualität zu ermutigen und zu begleiten.

Das Wissen um den eigenen Körper, das Körperbild sowie die familiäre und gesellschaftliche Prägung haben großen Einfluss auf die weibliche Sexualität und sexuelle Gesundheit. Mit Informationen, Übungen, echten Stories und direktem Austausch hilft being female Frauen, die eigenen Glaubenssätze zu hinterfragen, Worte für Schambehaftetes zu finden, die eigenen Bedürfnisse kennenzulernen und die Kommunikation über Sex zu fördern. Frauen jeglichen Alters wird der Raum gegeben, sich mit Sex und Sexualität auf unvoreingenommene Weise zu beschäftigen.

Mit kostenlosen online Frauentreffen und Geschichten von Frauen fördert die Online Plattform being female den Austausch zu Themen wie Lust, Orgasmus, Masturbation und Körperbild. Zusätzlich gibt es Workshops, Einzel-Coaching-Sessions und ein 30-tägiges Coaching-Programm per Messenger. Eine App, welche das digitale Erlebnis auf nutzer-freundliche Weise für jede Frau zugänglich macht, ist bereits in der Entwicklung. Die beiden Gründerinnen legen in allen Bereichen großen Wert auf die Einbindung wissenschaftlicher Methoden und Erkenntnisse. Der Fokus aller Praktiken liegt dabei immer auf der Frau als Individuum und ihrem ganz eigenen Weg zu einer erfüllten Sexualität.

GASTARTIKEL

Kianava: Ein ganzheitlicher Ansatz für mehr Frauengesundheit

Kianava ist eine Online-Klinik, die den Ansatz der integrativen Medizin verfolgt. Dr. med. Ali Güz ist Facharzt für Innere Medizin (Nephrologie) und Facharzt für Allgemeinmedizin. Als ärztlicher Leiter bei Kianava ist er für das medizinische Team, das medizinische Konzept und die Qualitätssicherung verantwortlich. Dr. med. Güz ist ausgebildet in Mind-Body-Medizin, Traditioneller Chinesischer Medizin und Ayurveda und vertieft zurzeit sein Wissen in Naturheilkunde.

Als Arzt brennt Ali Güz für die integrative Medizin, die als Kombination aus konventioneller Medizin, wissenschaftlich geprüften Naturheilverfahren sowie der Mind-Body-Medizin neue Wege eröffnet. Er ist überzeugt davon, dass man nur mit einem ganzheitlichen Ansatz sowie ausreichend Zeit der Ursache einer Erkrankung auf den Grund gehen und diese auch nachhaltig behandeln kann.‍


Das sagt Dr. med. Ali Güz über die Mission und VIsion von Kianava:

"In Deutschland erkranken offiziell 8% aller Frauen während ihrer Lebenszeit an Vulvodynie. Das sind 2-3 Millionen Frauen. Trotzdem ist das Thema leider recht unbekannt und wird auch oft nicht richtig diagnostiziert. Dazu trauen Betroffene verständlicherweise sich nicht über die Vulvodynie zu sprechen, da es einen sehr intimen Teil sowohl ihres Körpers als auch ihres Lebens betrifft. Das Tragen von Unterwäsche oder Fahrrad fahren kann größere Schmerzen verursachen. Auch können Betroffene keine Intimitäten mehr mit ihren Partnern haben, da sie große Schmerzen allein schon bei sanfter Berührung im Intimbereich haben. Ärzt:innen aller Fachrichtungen, also nicht nur Gynäkolog:innen erhalten keine entsprechenden Fortbildungen, die aufklären und sowohl die Ursachen, die Diagnosestellung als auch die Behandlungsoptionen aufzeigen. Durch Entspannungs-verfahren, Ernährungsumstellung und naturheilkundliche Verfahren kann den Patientinnen oft geholfen werden, die Beschwerden zu reduzieren.

Genau hier setzt Kianava an und hilft Patient:innen, die unter Vulvodynie und vielen anderen chronischen Beschwerden leiden (z.B. Migräne, Burnout, PCOS) mit einer ganzheitlichen Online-Betreuung durch Ärzt:innen und Therapeut:innen."

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