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Brainwave Special - Mental Health

November 10, 2020

BRAINWAVE INSIGHTS

Lasst uns über mentale Gesundheit reden!

Psychische Erkrankungen treten in Deutschland nicht so selten auf, wie man zunächst vielleicht glauben mag. Und auch wenn die Stigmatisierung und Tabuisierung von psychischen Krankheiten nicht mehr so groß ist wie noch vor 20 Jahren, sind wir trotzdem noch weit davon entfernt unsere mentale und physische Gesundheit gleichzusetzen. Die WHO erkannte das "Burn-Out" beispielsweise erst Anfang 2019 als Krankheit an. Die fehlende gemeinschaftliche Anerkennung von mentalen Erkrankungen führt dazu, dass selbst Betroffene, die sich ihrer psychischen Erkrankung (wie etwa einer Depression) bewusst sind, nicht immer darüber sprechen. Allein in Deutschland sind laut Schätzungen ca. 17,8 Millionen Menschen (27,8%), bewusst oder unbewusst, von einer psychischen Erkrankung betroffen. Von diesen suchen nur ca. 18,9% Kontakt zu professioneller Hilfe (3,3 Millionen). Hinzu kommt, dass diese Patienten meist mehrere Monate, bis über ein halbes Jahr auf einen Therapietermin warten müssen.

Wie kann eine App dabei helfen?

Hier kommen digitale Angebote für mentale Gesundheit (Digital Mental Health) ins Spiel. Zum Beispiel können solche Lösungen, mit digitalen Kursen, die langen Wartezeiten bis zu einer Therapie überbrücken und den Betroffenen auf die Therapie vorbereiten. Inzwischen gibt es auch einige Startups, die eine therapiebegleitende Lösung anbieten, wie z.B. einen digitalen Alltagsbegleiter mit Lernmaterialien, sowie Tagebuch- und Chatfunktion mit dem Therapeuten. Solche digitalen Therapien decken heute vorwiegend die folgenden Themen ab: Depression, Sucht, Verhaltensstörung, PTBS, Angststörung und Schizophrenie. Und auch der Bereich der telemedizinischen Betreuung hat seit Beginn der Covid-19-Pandemie großen Zulauf erhalten und bietet somit ein neues Feld an digitalen Möglichkeiten.

Hinzukommt, dass sich auch der Mental-Health-Markt weg von "reaktiv" (erkrankt) zu "proaktiv" (Prävention) bewegt. Daher setzen viele Startups im Bereich "Wellbeing" an - also bevor eine Therapie notwendig wird. Meditations-Apps, wie Headspace, sind weitaus mehr als ein esoterischer Zeitvertreib und untermauern durch immer neue Studien ihre Wirksamkeit. Wir sehen heute die folgenden Krankeheitsbilder verstärkt im Markt abgebildet.

Der Weg in die Versorgung durch DiGAs 

Seit neuestem können Apps, die als Digital Gesundheitsanwendung (DiGA) zertifiziert wurden, vom Arzt per Rezept verordnet und dann von der Krankenkasse automatisch erstattet werden. Eine DiGA unterstützt (u.A.) die Erkennung, Überwachung, Behandlung oder Linderung von Krankheiten und sie erreicht diesen medizinischen Zweck im wesentlichen durch eine digitale Hauptfunktion. Viele der ersten DiGA's kommen aus dem Bereich mentale Gesundheit. Warum ist das so? Betroffene brauchen oft regelmäßige Unterstützung und Anleitung um den Alltag zu bewältigen. Ein Arzt oder Therapeut kann nicht 24/7 für seine Patienten erreichbar sein oder Hilfe bieten, eine App in gewissem Maße schon.

Werden Ärzte/ Therapeuten bald obsolet? 

Die Antwort hierauf lautet ganz klar: Nein! Auch wenn digitale Anwendungen immer größere Bereiche der psychischen Prävention und Behandlung durch wissenschaftliche und klinisch abgesicherte Evidenzen abdecken können, ersetzen sie keineswegs vollständig einen Arzt oder Therapeuten. Denn trotz weitestgehend standardisierter Behandlungen, ist eine psychische Erkrankung oder auch die Psyche eines Menschen im Allgemeinen eine individuellere Sache. Anwendungen können allerdings an unterschiedlichen Stellen wertschöpfend auftreten, z.B. in der Patientenaktivierung, in der Nachbetreuung und bei einem kleinen Prozentsatz der Patienten schnelle Hilfe bieten, um somit eventuell sogar eine Therapie zu verhindern.

Unser Fazit: Digital Mental Health ist aktuell einer der größten Trends im Digital Health Markt! Noch ist der Präventions- und Wellness-Bereich größer als die medizinischen Anwendungen - auch weil dort die Selbstzahlerbereitschaft höher ist. Aber die Linien verschwimmen immer mehr und wir sehen auch hier die Entwicklung von Plattformen und Full-Service-Providern. Wir erwarten, dass es in Zukunft digitale Alltagsbegleiter rund um die mentale Gesundheit geben wird, dessen Funktionen von Meditation- und Entspannungsübungen, über Lerninhalten, Tagebücher bis hin zu intelligenten Algorithmen und Telemedizin abdecken werden. Am besten sektorenübergreifend und eingebettet in eine vernünftige User-Experience. Der Zugang zu solchen Lösungen wurde über die DiGA vereinfacht und Patienten können (wenn sie es wissen) ihre digitale Therapie nun stärker selbst einfordern. Ein weiterer Erfolgsfaktor für Mental Health Startups wird sein, die große Anzahl an "Nicht-Patienten" (Betroffen aber nicht in Behandlung bzw. Erkrankung unbewusst) zu erreichen und eine passende Lösung anzubieten.

Im folgenden findet Ihr unsere Mental Health Startup-Map, ein Interview mit HelloBetter Gründer David Ebert und einen kurzen Gastartikel von Thomas Hagemeijer, Consultant im Bereich Healthcare bei TLGG Consulting. Viel Spaß beim Lesen!

DIGITAL MENTAL HEALTH LANDSCAPE

Wir haben die Startup-Landschaft im deutschen Digital-Mental-Health-Markt für Euch einmal genauer unter die Lupe genommen! Die Kategorie mit den meisten Startups sind Angebote für Meditation, Schlaf und Wellness. Dies ist keine Überraschung, da die Monetarisierung nicht über Krankenkassen stattfindet und hohe Fundingsummen in den Markt fließen - z.B. Headspace mit rd. $ 216 Mio.

Eine weitere bedeutende Kategorie sind Angebote zur digitalen Behandlung - häufig qualifizieren sich diese Lösungen auch als DiGa (siehe oben). Das sind vor allem Angebote, die therapeutische Inhalte sowohl begleitet, als auch unbegleitet, Nutzern zur Verfügung stellen und als B2C und B2B2C-Varianten zugänglich sind. Für uns stellt diese Kategorie neben den Alltagsbegleitungs- und Monitoringlösungen das größte Potential für die Weiterentwicklung zur Gesundheitsplattform dar - welche alle Schritte der Patient Journey abbilden und begleiten kann.

Der Bereich, den wir als Therapiezugang klassifiziert haben, umfasst Angebote, die Nutzern eine einfachere und effizientere Möglichkeit zur Verfügung stellen, professionelle Hilfe zu erhalten. Dies sind zum einen, die seit Corona boomenden, Telemedizinanwendungen, aber auch BGM-Plattformen, wo Firmen ihren Mitarbeitern einen unkomplizierten Zugang zu digitalen und analogen Angeboten ermöglichen. Symptomchecker versuchen oft unentschlossene "Nicht-Patienten" anzusprechen und können in Zukunft ein Entry-Point zur digitalen Behandlung sein. 

Euch interessieren auch internationale Mental Health Startups? Hier findet Ihr eine Liste von "What-If-Ventures" mit fast 1000 Startups (hoher US-Fokus).

Die deutsche Digital-Mental-Health-Landscape

Ergänzungen: Die Map bezieht sich auf Unternehmen, die im deutschen Markt aktiv sind. Zudem wurden digitale Lösungen, welche sich auf Tinnitus oder Migräne beziehen vernachlässigt. Quelle: Brainwave Hub, Eigene Darstellung

INTERVIEW

Dr. habil. David Ebert ist nicht nur Leiter des Protect Lab und Präsident der International Society for Research on Internet Interventions (ISRII), sondern auch Co-Founder, Co- Geschäftsführer und Chief Scientific Officer (CSO) von HelloBetter. Das Unternehmen gehört zu den führenden Unternehmen im E-Mental-Health Bereich und bietet wissenschaftlich fundierte Online-Trainings für Menschen mit psychischen Problemen an.

Brainwave: HelloBetter bietet Kurse an, die bei schon vorliegenden psychischen Erkrankungen helfen. Glaubst Du, dass Apps Therapien irgendwann komplett ersetzen können?

David: Es wird sicherlich einen Prozentsatz an Personen geben, der alleine durch online Therapie behandelt werden kann und keine klassische Therapie mehr benötigt. Das gilt aber nicht für alle und pauschalisieren kann man das nicht. Deswegen wird es vielmehr in die Richtung verzahnter Angebote gehen.

Wir haben beispielsweise gerade eine Studie über Major Depression durchgeführt, die mit sechs Sitzungen vor Ort und zusätzlichen Online-Sitzungen behandelt werden konnten, für die man normalerweise circa 20 Sitzungen Kurzzeittherapie benötigt.

Genauso wie etwa beim Onlinebanking oder Nutzung digitaler Kanäle in der Alltagskommunikation, werden digitale Anwendungen auch zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Psychotherapie werden. Die Anwendungen werden somit zum festen Bestandteil der Vor-Ort-Therapie und daneben wird es auch normal sein, dass bestimmte Gruppen ausschließlich über digitale Anwendungen behandelt werden. Diese werden Therapeut*innenen aber niemals vollständig ersetzten. Im Gegenteil, wir brauchen viel mehr Therapeuten, egal wie viel wir digitalisieren.

Brainwave: Wir sehen im Digital Health Bereich immer mehr den Trend zur umfassenden Plattform mit vielen integrierten Services. Glaubst Du, dass es große Mental Health Plattformen geben wird oder werden sich mehrere Portale und spezialisierte Anbieter für spezielle Krankheiten entwickeln?

David: Ich glaube, dass Anbieter mit einem breiten Portfolio im Vorteil sind. Ein Arzt kennt nicht 27 verschiedene Anbieter. Wenn ein Arzt von einem Anbieter überzeugt ist, wird er wahrscheinlich eben diesen Anbieter verschreiben - egal ob er eine Depression oder Angststörung behandelt. Deswegen setzen wir bei HelloBetter auf  einen größeren Leistungsumfang.

Und ich denke, das braucht es auch im System. Ärzte haben überhaupt keine Zeit und Lust, sich tief in etwas neues hineinzuarbeiten und alles, was die Komplexität erhöht, senkt die Wahrscheinlichkeit der Verschreibung. Da wird lieber zu einem Medikament gegriffen, welches man schon kennt.

Ich glaube schon, dass sich das Feld dahingehend entwickelt, zentrale digitale Touchpoints zu haben – zumindest im Bereich der Störungen. Aber da gibt es noch andere wichtige Punkte, wie z. B. Patientenakquise und Patientenaktivierung. Daher ist es jetzt noch schwer Vorhersagen zu treffen. Man sieht aber auch in Deutschland schon, dass Kliniken anfangen darum zu kämpfen, der erste Kontaktpunkt zu sein.

Brainwave: Mit der DiGA wurden jetzt die ersten „Apps auf Rezept“ klassifiziert. HelloBetter hat sich ebenfalls für diese Klassifizierung beworben. Welche Auswirkungen wird die DiGA auf den Markt und auf HelloBetter haben?

David: Die DiGA ist ein Gamechanger und weltweit einmalig. Momentan hat man Sales Zyklen von 18 Monaten mit einzelnen Krankenkassen, von denen es ein paar große in Deutschland gibt. Bei der DiGA hat man mit einem Mal Zugang zu 70 Millionen Versicherten. Deutschland ist einer der größten zusammenhängenden Gesundheitsmärkte der Welt und nirgendwo sonst kann man digitale Anwendungen so einfach in die Versorgung implementieren.

Gerade bei solch einem neuen und innovativen Ansatz, ist es entscheidend, den Ärzten und Psychotherapeuten gut validierte, evidenzbasierte Lösungen anzubieten, um das nötige Vertrauen aufzubauen. Es braucht gute, qualitativ hochwertige Produkte, deren Wirksamkeit bereits nachgewiesen wurde und mit denen Patienten bereits erste positive Erfahrungen sammeln konnten. Und da sind wir mit HelloBetter als Vorreiter im Markt natürlich in einer sehr glücklichen Situation.

GAST-ARTIKEL

Über den Autor: Thomas ist Healthcare Lead bei TLGG Consulting und befasst sich mit Themen an der Schnittstelle von Technologie, Gesellschaft und Wirtschaft innerhalb der Gesundheitsbranche. Sein Ziel im Gesundheitsbereich ist es, Technologie zu nutzen, um Brücken zwischen den Akteuren des Gesundheitswesens zu schlagen und das Gesundheitssystem in die Lage zu versetzen, von "sick-care" zur "well-care" überzugehen.

Technologie ist Teil des Problems, wenn es um die psychische Gesundheit unserer Gesellschaft geht. Wollen wir es wirklich mit mehr Technologie lösen?

Ich stimme Noah Harari voll und ganz zu, wenn er in seinem Buch "Sapiens: A Brief History of Humankind" argumentiert, dass wir Menschen im Herzen Jäger und Sammler sind und dass wir immer mehr eine Gesellschaft schaffen, die immer weiter von dem entfernt ist, was wir wirklich sind. Wir vermessen unser gesamtes Leben mit dem Smartphone. Dies löst eine Menge Druck und Stress in unserem Leben aus. Ich sehe eine ganze Reihe an Risiken, die mit der Nutzung unserer Smartphones für die mentale Gesundheit verbunden sind. Vor allem aber besteht die Gefahr, dass das Smartphone selbst zu einer neuen Form der Sucht führt.

Nichtsdestotrotz: Es steckt viel Potenzial darin, unser Glück zu „hacken“.

Vor kurzem las ich einen Artikel über "Glücks-Chemikalien" und wie wir diese „hacken“ können. Es wurden 4 Chemikalien aufgelistet, die wir gezielt beeinflussen können:

(i) Das Dopamin (oder die Belohnungs-Chemikalie), dessen Ausschüttung z.B. durch Erledigung einer Aufgabe oder durch Essen von Nahrung ausgelöst werden kann

(ii) Das Oxytocyn (das Liebeshormon), das z.B. durch das Spielen mit einem Hund oder durch ein Kompliment ausgeschüttet wird

(iii) Das Serotonin (der Stimmungsstabilisator), das etwa durch Spaziergänge in der Natur oder Sonnenbestrahlung produziert wird

(iv) Das Endorphin (das Schmerzmittel), das durch Lachen oder körperliche Anstrengung ausgeschüttet wird (und natürlich durch dunkle Schokolade)

Ich bin der festen Überzeugung, dass digitale Anwendungen helfen können die richtige Balance zu finden und eine geeignete Routine zu definieren. Darüber hinaus gibt es noch immer viel über unser Gehirn zu entdecken und zu verstehen: Digitale Apps für psychische Gesundheit können dabei helfen, indem sie Datensätze sammeln, die für die Forschung sehr wertvoll sein können. Einige Fragen bleiben trotzdem offen: Wer wird Eigentümer dieser Datensätze sein? Wer wird Zugang zu diesen Datensätzen haben? Ich neige dazu, Bart de Witte (Gründer der HIPPO AI Foundation) zuzustimmen, der glaubt, dass Daten und die damit verbundene KI ein öffentliches Gut sein sollten.

Rein digitale Anwendungen zur psychischen Gesundheit können helfen, Probleme zu mindern – die Ursachen jedoch bekämpfen sie nicht.

Rein digitale Gesundheitsanwendungen können dabei helfen psychische Gesundheitsprobleme kurzfristig zu mildern. Aber: um tiefer zu gehen und die Ursachen anzugehen braucht man einen "physischen Schutzraum", der außerhalb der täglichen Routine liegt. Auch die physische und menschliche Verbindung mit dem Therapeuten ist ein wichtiges Element, denn man muss sich "verstanden" fühlen. Das letzte Element ist auf den ersten Blick kontra-intuitiv: Der Aufwand der damit verbunden ist zu einem Psychotherapeuten zu gehen (und der vielleicht ein Argument für eine digitale Lösung sein könnte) ist Teil der Therapie. Vor diesem Hintergrund denke ich, dass erfolgreiche Anwendungen im Bereich der psychischen Gesundheit in Zukunft auf hybride Modelle setzen werden. Modelle, die die physische Welt und die digitale Welt zusammenbringen - und damit nicht nur Symptome bekämpfen, sondern auch deren Ursachen.

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